Meine geplatzte Seifenblase

“Tanja!!” ruft eine aufgeregte Stimme aus dem Transporter heraus.

Es ist Laurents, welcher freudestrahlend herausspringt und mich herzlich in seine Arme nimmt.

Nach und nach erblicken mich immer mehr freudige Gesichter, begrüßen und begutachten mich mit großen Augen.

Es ist mein erster Tag im “Collectif Dadofonic” und mein zweiter Tag in Luxemburg.

Ein komplett neuer und anderer Abschnitt in meinem Leben, dessen Gänze und Aussmaß mir zu diesem Zeitpunkt noch bei Weitem nicht bewusst war.

Was mir jedoch schon bewusst war ist, dass ich genau das brauchte. In Deutschland habe ich mich irgendwann nur noch wie in einer Blase gefühlt, in der alles gleichförmig umher schwimmt und mich so sehr eingrenzt, dass kein Raum, keine Möglichkeit mehr da war um mich persönlich entfalten zu können.

Der Drang, diese Blase zum Platzen zu bringen, wurde immer stärker und so entschloss ich mich, diesem nachzugehen. Ich erinnerte mich Dunkel an einen Vortrag in der Schule, er ging, wie so oft, über das leidige Thema: “Und, was machst du nach dem Abitur??”.

Ehemalige Schüler prahlten mit ihrem erfolgreichen BWL-Studium an der hochrangigsten Privatschule, erzählten von “Work and Travel” in Australien.

Doch dann war da dieser eine Vortrag, bei dem ein Mädchen mit vor Leidenschaft und Begeisterung funkelnden Augen von ihrem europäischen Freiwilligendienst erzählte.

Dieses Funkeln strahlte zurück in mein Gedächtnis und so ergriff ich die Initiative und fing an, mich quer durch Europa und seine Projekte zu klicken, wobei ich an einer Beschreibung hängenblieb.

“Ein künstlerisches Ensemble aus Theater, bildender Kunst und Bewegung”.

Das hörte sich anders an, hörte sich neu an, und reizte mich ungemein. So begann ich mich zu bewerben, ohne große Hoffnungen genommen zu werden. Hunderte aus ganz Europa würden sich darauf bewerben, wieso dann gerade ich.

Doch meine Zweifel waren glücklicherweise unberechtigt, denn schlussendlich wurde ich auserwählt.

Ohne irgendeine Vorahnung bin ich in die dadofonische Arbeitswelt eingetaucht, welche sich als ganz anders herausstellt als alles, was ich bisher gewohnt war.

Die 13 Künstler, jeder von ihnen grundverschieden und charakterstark, formen eine spürbar lebendige und dynamische Gruppe, wodurch mit der professionellen Anleitung eines bildenden Künstlers und eines Theaterpädagogen immenses kreatives Potenzial entsteht.

Dieses Potenzial richtig zu greifen, zu formen und einzusetzen ist jeden Tag aufs neue eine Herausforderung.

Im Collectif wird großen Wert darauf gelegt, die Stärken eines jeden Einzelnen herauszuheben und den Fokus der Arbeit darauf auszurichten. Es wird nicht gegen die Schwächen der Künstler

gearbeitet, sondern sie werden akzeptiert und kreativ in das Geschehen eingesetzt.

Die Individualität eines Jeden ist es, was die Gruppe zusammenschweißt. Wo sich der Eine schwertut, ist für den Anderen ein Kinderspiel- das Collectif ergänzt sich und formt eine einzigartige Gemeinschaft.

Der Schmelztiegel voller gestalterischer Possibilität formt sich zu einem Künstlerkollektiv, das dem Namensvetter, dem “Dadaismus”, alle Ehre macht.

Der Dadaismus negiert jegliches künstlerisches Ideal und proklamiert absolute Freiheit der künstlerischen Produktion sowie einen konsequenten Irrationalismus in der Kunst.

Auch das Dadofonic lehnt Perfektion und Idealismus ab, die individuelle künstlerische Freiheit wird ausgelebt.

Auch ich bin von diesem Schmelztiegel jedes mal aufs Neue überrascht, fasziniert, und lerne von jedem Einzelnen darin.

Etwa von Acacio, welcher ein beeindruckend ausgeprägtes Taktgefühl und musikalisches Verständnis besitzt, und dieses mit einer starken Körperspannung, sanften Tanzbewegungen und anmutiger Mimik zum Ausdruck bringt.

Zwar kann er sich mit Worten recht schlecht ausdrücken, mit seinem Körper jedoch umso mehr. Im Alltag wirkt er oft verträumt, wiederum ist er bei der Arbeit auf der Bühne oder alleine am Schreibtisch stets fokussiert und konzentriert.

Acacio hat mir gezeigt, dass die Bandbreite sich auszudrücken weit über das Herkömmliche möglich ist.

Einer der wohl kommunikativsten Menschen die ich je kennen gelernt habe ist Laurent, dessen offene und liebe Art ich schon von Anfang an spüren durfte.

Seine oft tollpatschige Art verändert sich zu einem geschickten und ästhetischen Auftreten, sobald er beispielsweise einen Ball oder ein Tuch in die Hand bekommt. Mit schwereloser Leichtigkeit präsentiert er leidenschaftlich gerne seine gelernten Tricks, Kampfkunstfiguren oder Gymnastikstücke.

Laurent geht ohne Vorurteile, ohne Hemmungen auf jeden Menschen zu. Eine Eigenschaft, von der sich wohl jeder etwas abschauen sollte.

Als ich erfahren habe, dass einer der Künstler, Christiano, nicht sprechen kann, schoss mir unwillkürlich die Frage durch den Kopf, wie ich, unwissend über Gebärdensprache oder sonstiges, mit ihm kommunizieren soll.

Drei Monate sind vergangen und mittlerweile kann ich mich mit ihm leichter verständigen als mit so manch anderem. Die Kommunikation mit ihm ist ein Geben und Nehmen: Ich gebe ihm das Gefühl, dass er verstanden wird, wahrgenommen wird, aber auch er wiederum gibt mir dasselbe Gefühl. Ohne sein aufmunterndes Lachen, wenn ich morgens wiedermal im Halbschlaf vor meiner Tasse Kaffee sitze, wären die Morgende für mich um einiges grauer, und meine Brille müsste ich auch immer lange suchen, wenn er nicht immer aufmerksam aufpassen würde, wo ich sie als letztes abgelegt habe.

Doch eigentlich ist all dies nebensächlich, Christiano hat noch so viel mehr zu bieten: Die Art, wie er sich mit seinem Körper ausdrückt, sich bewegt, lässt jedes mal aufs Neue meine Augen groß werden. Allein seine Art zu gehen ist so anmutig, dass man schnell neidisch werden kann.

Wenn er schwerelos über die Bühne gleitet, dann sehe ich einen professionellen, ernstzunehmenden Tänzer, der mich mit in seinen Bann reißt und Träumen lässt.

Diese drei Menschen waren es, die mich bereits nach den ersten Tagen hier zum Staunen brachten, aber mit jedem einzelnen Künstler könnte man ganze Romane füllen.

Die Recherche- und Arbeisphasen verlaufen im Dadofonic stets sehr umfassend.

Begonnen wird jedes gemeinsame Projekt in sehr kleinen Schritten, und mit der Zeit wird man Meister darin, Übungen in tausend kleine Stücke zu unterteilen, sodass jeder mitkommt.

Sei es, dass man beim “Porträt zeichnen” zunächst lernt, wie man richtig sitzt, das Malbrett hält, und eine seriöse Ausstrahlung aufstetzt.

Oder, dass man beim “Schattentheater” übt, seinen Körper langsam und konzentriert einzusetzen, Spannungen zu halten und seinen eigenen Schatten bewusst wahrzunehmen.

Hinter jeder Performance steckt also eine lange und intensive Vorbereitungszeit, welche man dann jedoch den Künstlern spürbar anmerkt. Sobald sie im Rampenlicht stehen, überzeugen sie fortwährend ihr Publikum als ernstzunehmende Artisten.

Das sonst so laute und spaßige Künstlerkollektiv präsentierte sich beispielsweise bei der “Nuit des Musees 2018” als ruhige, seriöse und konzentrierte Porträtzeichner, welche ihren Fokus ganz auf ihr Zeichenblatt und das Gegenüber haben.

In den Augen der Museumsbesucher ist eine Faszination vom Auftreten der Künstler zu entdecken. Die teilweise sehr abstrahierte Darstellung ihrer selbst lädt sie ein, ihr Bewusstsein zu erweitern und einen ganz neuen und anderen Blick auf sich selbst zu bekommen.

Ihre Seriosität konnten sie ebenfalls bei der Vernissage “Art Brut” im Konschthaus Engel unter Beweis stellen, bei welcher sie mit einer anderen Künstlergruppe, der “CooperationsArt”, Requisiten ihrer vergangenen Theaterstücke ausstellten. Voller Leidenschaft erklärten die Künstler den Besuchern, zu denen unter anderem auch der luxemburgische Premierminister Xavier Bettel gehörte, die spannenden Geschichten hinter den Ausstellungsstücken.

Dass sie jedoch auch als Entertainer und Animateure glänzen können, zeigten sie bei der “Naxi”.

Die Künstler kreiren durch ihren offenen und herzlichen Umgang mit Fremden eine aufgeschlossene Wohlfühlatmosphäre, die auch der unsichersten Person in der Ecke früher oder später ein Lächeln auf die Lippen zaubert. Nach nur wenigen Minuten ist es ihnen möglich, das Eis zu brechen, und man findet sich gackernd wie ein Huhn durch den Raum hüpfend wieder.

Die Blase, welche ich anfangs beschrieben habe, bringt das Dadofonic jeden Tag aufs Neue bei mir zum Platzen. Immer passiert etwas Neues, aufregendes, aus dem man stets etwas für sich selber herausziehen kann. Mir ist neuer Raum geschaffen worden, in den vergangenen Wochen und Monaten habe ich hier mehr über mich selber und andere gelernt, als ich es in den letzten Jahren in meiner Heimat je getan habe.

Mein Horizont hat sich in jeder Hinsicht geöffnet, mir wurde bewusst, dass die Welt, in welcher wir leben, so viel mehr zu bieten hat als die Norm, so viel außergewöhnliches, für das jedoch leider viel zu viele Menschen blind geworden sind. Das Dadofonic hat mir jedoch die Augen wieder öffnen können.

Tanja Hofstätter (19) aus Deutschland, europäische Freiwillige im Collectif Dadofonic seit September 2018

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